Mein Sandwichkind {Gastbeitrag von Marion Beck}

Ich freue mich heute ganz besonders über den Gastbeitrag von Marion:
Sie hat drei Jungs ziemlich genau im gleichen Alter wie meine Mädels. Manchmal ist die Mitte eben nicht goldig und Marions mittleres Kind versucht sich auf seine Art gegenüber dem jüngeren und dem älteren Bruder zu behaupten.

„Die liebe @IchlebeJetzt1 hat eine Blogparade zum Thema Sandwichkinder gestartet, und da ich selber keinen Blog habe, mich eingeladen, auf ihrem Blog einen Gastbeitrag zu schreiben. Vielen, vielen Dank dafür!

Ich muss es gleich zu Beginn gestehen (als Hashtag wäre das #twitterbeichte): mein Mittlerer macht mich regelmässig wahnsinnig!

Der Mittlere

Er erfüllt nahezu vollständig ALLE Symptome, die man so im Internet zum Mittleren-Kind-Syndrom oder zum Thema Sandwich finden kann. Er ist umzingelt von einem nur wenig älteren Bruder (20 Monate trennen die beiden), den Adjektive wie gewissenhaft, verantwortungsbewusst, fleissig und selbstbewusst ziemlich gut beschreiben (seine weniger positive Charaktereigenschaften lassen wir hier jetzt aussen vor), und einem suessen drei Jahre jüngeren Bruder, dem man gerne alle Schandtaten vergibt und ihn statt dessen lieber in seine dicken Backen beissen möchte.

Diese Konstellation (laut den schlauen Büchern die denkbar ungünstigste für das Sandwich, mit drei Kindern gleichen Geschlechts, die altersmässig relative nah aneinander liegen) hat schon recht früh dazu geführt, dass unser Mittlerer meinte, seinen Platz in der Familie erkämpfen zu müssen. Er weint viel, fühlt sich schnell ungerecht behandelt, schreit und haut und zwickt, gibt gerne freche Antworten und ist leicht beleidigt. Dazu kommt, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, dafür aber unheimlich stinkig wird, wenn man nicht ihm, sondern dem grossen Bruder glaubt.

Das alles ist, haben wir dann relativ früh gemerkt, Ausdruck seines Sandwichkindproblems. Er braucht extrem viel Zuwendung, Lob, und möchte als eigene Person wahrgenommen werden. Und vor allem, und das ist für mich der anstrengendste Aspekt des Sandwichs, er braucht Unmengen Körperkontakt zu seiner heissgeliebten Mama. Er ist der einzige unserer Kinder, der stundenlange Spaziergänge an meiner Hand geht, ohne loszulassen. Kaum setze ich mich irgendwohin, sitzt er auf mir und will kuscheln, er ist besessen von meinen Haaren und muss den ganzen Tag in meiner Mähne wühlen. Er kommt JEJDE (und das heisst wirklich JEDE) Nacht zu uns ins Bett und weint bitterlich, wenn wir ihn nicht aufnehmen (inzwischen hab ich resigniert, ich habe morgens um 4 Uhr keine Kraft für Heulereien), schläft dann an mich gedrückt und eng umschlungen ein. Das Problem ist, dass ich so viel physischen Kontakt schlichtweg nicht mag, und ich lasse es nur zu, weil ich merke, dass er das zum Leben braucht wie Luft zum Atmen. Er gibt mir auch das Gefühl, dass der Kontakt NIE reicht. Kuscheln wir eine Stunde, braucht er zwei, und kuscheln wir zwei, passt es ihm auch nicht, denn er will drei. Ich fühle mich in einer Zärtlichkeitsendlosschleife gefangen, die mich einengt, nicht bereichtert.

Alle Ratgeber zu Sandwichkindern schlagen ähnliche Lösungswege vor: dem Mittleren gezielt Aufmerksamkeit schenken, mit ihm alleine Dinge unternehmen, ihn für seine Leistungen loben, ihm eigenen Raum als Kind gewähren, …das haben wir dann auch, als wir uns vor ca. zwei Jahren des Problems bewusst wurden (heute ist er 6), in die Tat umgesetzt. Wir vergleichen die Kinder nicht, loben jedes für seine Noten, seine Fortschritte, seine Bilder etc, und räumen jedem Kind bewusst eigenen Platz ein (logischerweise soweit das im Alltag überhaupt geht).

Mit der Zeit aber haben wir gemerkt, dass das, was der Mittlere EIGENTLICH sucht zu seinem Glück gar nicht so sehr die Aufmerksamkeit und Zuwendung seiner Eltern ist, sondern vielmehr die Zustimmung und das Lob des grossen Bruders. Nichts erzeugt ein strahlenderes Grinsen als ein “wow, super” des Großen, absolut konkurrenzlos zu jeglichem Lob oder Freudentanz der Eltern.

Der Große

Der Große widerum hat ÜBERHAUPT keine Lust, uns in dem Bemühen, den Sandwich selbstbewusster werden zu lassen, auch nur minimalst zu unterstützen, und zwar (jetzt wird´s interessant), weil er richtig neidisch ist auf die Aufmerksamkeit, die wir dem Mittleren schenken. Er hat genau erkannt, dass wir den Bruder gezielt fördern, loben und animieren, und das für Dinge, die bei ihm selbstverständlich sind. Seine Noten erzielen dasselbe Lob wie die des Bruders; das kann und will er nicht gutheissen, und bestraft den Mittleren mit verweigerter Aprobation.

Kurz und gut, wir haben, brav den Ratgebern folgend, genau das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich gedacht war. Der Große neidisch und der Sandwich immer noch unzufrieden.

Der Kleine

Die Lösung für die Probleme des Mittleren erschien dann erst vor Kurzem, und zwar vollkommen unerwartet und in Gestalt des Kleinen. Der, inzwischen auch kein Baby mehr, hat von einem Tag auf den anderen entschieden, dass der Mittlere sein neuer Superheld ist. Die Bewunderung ist grenzenlos, ALLES was der Mittlere macht, löst Begeisterung hervor, und der sechsjährige ist ganz von alleine, ohne Zutun der Eltern, der Ratgeber und ganz unabhängig vom Verhalten des Grossen, aufgeblüht und selbstbewusster geworden.

Das ist jetzt ein schönes Ende meiner Geschichte. Über den Großen, der jetzt da sitzt mit seinem Neid auf den Mittleren (den das gar nicht mehr so interessiert) und mit einem kleinen Bruder, der überhaupt keinen Wert auf die Zustimmung des Großen legt, reden wir ein andermal.“

Liebe Marion! Herzlichen Dank für Deine Geschichte zur Geschwisterkonstellation. Ich sehe sehr viele Parallelen zu meinen Mädels. Es scheint also wirklich ein Muster zu geben und ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt!

Gruß
Suse

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